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Joik - die Stimme Sápmis
Schloss und Gut Liebenberg nördlich Berlins: Simon Íssat Marainen joikt | (c) Foto: Liane Gruda
Simon Íssat Marainen, Sänger, Joikare, Schauspieler, Schriftsteller, Radionprogramm-Macher, Reneigner (c) Foto: Liane Gruda

Joik ist möglicherweise die älteste Gesangsform Europas, es ist die traditionelle Gesangsform der Samen (Nordsamisch luohti, südsamisch vuollie, Ostsamisch leu'dd). Der Joik diente und dient der Bewahrung kollektiver Erinnerungen mit sehr starker sozialer Funktion. Gejoikt wird nicht über etwas (eine Person, ein Tier, ein Ereignis oder eine Landschaft), sondern die Person, ein bestimmter Hütehund, eine Jagdgeschichte oder eine Landschaft „wird gejoikt“, d.h. in der Vorstellung des Joikenden und seiner Zuhörer wird das Gejoikte als eine kollektive Erinnerung lebendig. Dabei mag der Vortragende seine Interpretation und seine emotionalen Assoziationen durch die Färbung seiner Stimme, durch Tempus und Stimmdruck einfließen lassen und sogar seine jeweilige Stimmung im Augenblick des Vortrags, ja selbst die Stimmung der Anwesenden spielen eine Rolle. Im „Personenjoik“ wird dies besonders deutlich: Wenn eine Person gejoikt wird, dann entsteht diese Person in den Vorstellungen der Anwesenden. Die alten Auffassungen der Samen von „Leben“ sind etwas anders, als die unseren, nämlich dass zum Beispiel ein verstorbener Vorfahre lebendig ist, wenn ein Mensch an ihn denkt oder von ihm träumt oder ihn joikt: Dann ist er lebendig, auch ohne physische Existenz. Im aller engsten ursprünglichsten Verständnis des Joiks ist es also eigentlich nicht möglich, den Joik aus seinem sozialen Kontext zu lösen und vor einem fremden Personenkreis auf einer Bühne vorzutragen oder ihn auf eine CD zu brennen und wieder abzuspielen."

Für das Funktionieren der Kommunikation, sowohl in der Gemeinschaft der Menschen, als auch mit dem Sinnlich-Göttlichen, war der Noaide zuständig, der Schamane. Auch er bediente sich des Joiks für den Kontakt in die anderen Welten und zu seinen Hilfsgeistern. Nach seiner Rückkehr aus den anderen Welten, nach dem Erwachen aus der Extase, berichtete er den Menschen durch joiken von seinen Erlebnissen und den Ergebnissen seiner dortseitigen Verhandlungen. Sein wichtigstes Hilfsmittel war seine Trommel. Es gab aber auch Noaiden, die niemals joikten, sie nannte man judakas.

Die Ansicht christlich missionierender Priester (und einiger Ethnographen), der Joik sei Teufelszeug und Beschwörung und/oder Anbetung heidnischer Götter, ist somit nicht zutreffend und einer jener zahlreichen Irrtümer, Vereinfachungen und Verfälschungen, die ihren Ursprung in kolonialer Überheblichkeit, Ignoranz und Zweckmäßigkeit haben. Erst der 1928 geborene samische Bischof Johan Märak in Jokkmokk nahm die Joiktradition wieder auf und begann in den 1960er Jahren zu joiken. Er stammt aus einem alten samischen Geschlecht, joikt in der nordsamischen und in der lulesamischen Tradition und genießt hohes Ansehen.

Joik ist identitätsstiftende Essenz der samischen Kultur, oder mit den Worten N. A. Valkeapääs: „Die Samen kannten den Begriff Kunst nicht und deshalb gab es auch keine Künstler. Oder vielleicht sollte man sagen, dass für die Samen alles Kunst war, das ganze Leben. “ So war der Joik die DNA des Lebens, weswegen die Kolonisatoren und Missionare dort so radikal eingreifen und verbieten mussten, um den Samen ihre Identität zu nehmen.

Der Joik war ursprünglich immer ohne Instrumente, auch ohne Trommel, denn die Trommel der samischen Noaiden (Schamanen) war kein Musikinstrument, vielmehr Gerät zur Kommunikation mit dem Göttlichen und zur Unterstützung bei der Erlangung des Trancezustandes. Joik bedarf auch keiner Worte, keines Textes. Werden Worte verwendet, müssen nicht durchgängige Texte entstehen. Es genügen auch einzelne mitunter mehrfach wiederholte Worte oder Phrasen. Denn Silben, Töne, sind das Ausschlaggebende. Meist werden keine Einzelnoten gesungen, sondern Gleittöne, dazu Wechsel zwischen Brusttönen und Kopftönen. Der schwedische Musikwissenschaftler Carl-Allan Moberg hat versucht, das Joiken zu beschreiben. Als typisch benennt er „die pressende Stimmlage, die auf stark gespannten Stimmbändern und enger Kehle beruht. Dies ergibt einen ziemlich schroffen Klang und sehr wenig Resonanz. Außerdem hat man den Eindruck, die Zunge würde im hinteren Teil gegen den Gaumen gepresst, wodurch die Luft am Durchströmen gehindert wird. “ Das gilt natürlich nicht durchgängig, dazu sind die Techniken zu variierend, aber die Beschreibung gibt einen guten Eindruck vom Joik.

1673 erschien (auf Lateinisch) die Monograpie „Lapponia“ des Johannes Schefferus, in der er die Texte zweier Joike des Nord-Samen Olaus Sirma wiedergab. Mit der Übersetzung ins Deutsche, Englische, Französische und Niederländische wurden sie in Europa bekannt. J. G. Herder übersetzte einige Joike und selbst Kleist und Goethe wurden durch sie inspiriert.

Mit dem Wiedererwachen der Samen als Volk mit eigener Kultur in den 1970er Jahren wurden auch Joiktraditionen wiederbelebt und mit instrumentaler Musik in die neue Zeit transportiert. N. A. Valkeapää bezeichnet die Instrumente als „die ersten unehelichen Kinder des Joiks“. Eine gelungene moderne Instrumentierung ahmt all die genannten Kriterien des Joiks nach und unterstützt die Wirkung. Jan Garbarek hat dies sogar ganz ohne menschliche Stimme mit seinen Saxophonen (und seinen Musikern) gemacht.

Áillohaš nennen die Samen ihren verehrten überragenden Künstler und Politiker, den wir unter dem Namen Nils Aslak Valkeapää (geb. 1943 – gest. 2001) kennen. Er ist wohl zu Recht als Urheber des modernen Joiks zu ehren. 1994, zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Lillehammer, sah ihn die Welt in seiner prächtigen Tracht mit Rentieren und Akja (Schlitten) ins Stadion fahren und die Welt hörte seinen Joik! In seiner Tradition stehen die großen Gegenwartsjoikare Norwegens, Schwedens und Finnlands – beispielhaft sind Ulla Pirttijärvi, Wimme Sarri, Frode Fjellheim, Sofia Jannok, Lars Ánte Kuhmunen, Johan Anders Bær und Simon Issát Marainen und Jörgen Stenberg. Sie joiken, mit den Ausnahmen, bei denen auch sie ein Lied singen (Sofia singt zum Beispiel „Waterloo“ auf Nordsamisch).

Hans-Joachim Gruda, Oktober 2013

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