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RückblickNorwegens Widerstandsveteran Gunnar „Kjakan“ Sønsteby im Gespräch

Max Manus - SPEZIAL im NORDISCHEN FILMKLUB

Es sei mitunter schwer zu sagen, wer in Norwegen Nr. 1 sei, doch wer Nr. 24 ist, darüber bestehe kein Zweifel, schrieb Jens Christian Hauge, Chef der norwegischen Widerstandsorganisation Milorg und einer der führenden Politiker im Norwegen der Nachkriegszeit, einmal über seinen Freund und Weggefährten Gunnar Sønsteby. In Norwegen kennt ihn fast jedes Schulkind: Kjakan. Einer der wagemutigsten Widerstandsmänner und Saboteure während der deutschen Besatzung Norwegens im Zweiten Weltkrieg. Der Skandinavien-Chef der geheimen britischen Widerstandseinheit Special Operations Executive (SOE), Oberst Wilson, rühmte ihn als den „intelligentesten, effektivsten und produktivsten Agenten Norwegens“ in jener Zeit. Mit der Kombination aus Widerstandseinsatz, Gesellschaftsengagement und Vortragsarbeit ist Sønsteby seither einer der bekanntesten Bürger seines Landes und verkörpert wesentliche Werte der norwegischen Gesellschaft. Für die meisten Norweger kommt er dem Bild eines Helden sehr nahe.

Zum MAX-MANUS-Spezial des Nordischen Filmklubs war Gunnar Sønsteby am 14. Februar 2010 Gast des KULTURHUS BERLIN und der norwegischen Botschaft. Wir treffen ihn und seine Frau Anne-Karin am Ort des ehemaligen Führerbunkers, einer unscheinbaren Tafel neben einem Parkplatz im früheren Grenzgebiet der einst geteilten Stadt. Auf symbolträchtige Weise kommen sich der Krieg und seine Folgen hier ganz nah. Es war Sønstebys Wunsch, noch einmal an dem Ort zu stehen, an dem es mit Hitler und dem Dritten Reich zu Ende ging. Ein feiner älterer Herr, 92 Jahre. Mit seinem Stock steigt er unbeirrt über die beinahe kniehoch aufgetürmten Schneewälle Berlins, witzelt, er habe seine Skier vergessen, und freut sich über die erste Olympiamedaille von „Lena“, Magdalena Neuner.

Der Weg in den Widerstand

Auf Skiern, das Gewehr auf dem Rücken begann für den Naturburschen aus Rjukan im Frühjahr 1940 der Weg in den Widerstand, in Philip Hansteens Skiläufer Kompanie. Mit 17 hatte Sønsteby Wolfgang Langhoffs Moorsoldaten gelesen und wusste, was sich in Deutschland zusammenbraute. Doch die deutsche Invasion fünf Jahre später war auch für ihn ein Schock. Schnell kommt er in die studentischen Widerstandskreise um Knut Møyen und lernt u.a. Max Manus kennen. Beschämt über die schnelle Niederlage Norwegens wollen sie eine geheime Armee aufbauen. „Von Anfang an haben wir uns gesagt, dass die Deutschen den Krieg langfristig nicht gewinnen können. Dass die Diktatur nicht über die Demokratie gewinnen darf.“ Doch zunächst galt es, der nazistischen Gleichschaltung von Presse und Rundfunk ein Gegengewicht zu setzen. Die täglichen Weltnachrichten aus London verbreiten sie mit Hilfe illegaler Zeitungen, darunter „Vi vil oss et land“. Eine gefährliche Arbeit, die Besatzer haben Presse und Rundfunk gleichgeschaltet und fast alle Radiogeräte eingezogen. Antipropaganda dulden sie nicht. Deshalb gehören Redakteure illegaler Zeitungen zu den ersten, die in deutschen Konzentrationslagern interniert werden.

Sønsteby fällt auf, dass er gute Nerven hat, in Kampfhandlungen beinahe gleichgültig ist. Er sieht seine Zeit gekommen, baut Widerstandsgruppen im südöstlichen Norwegen auf, knüpft Kontakt zu führenden Kreisen des norwegischen und alliierten Widerstandes, pendelt als Aufklärer und Kurier zwischen Oslo und der norwegischen bzw. der britischen Legation in Stockholm. Von der schwedischen Polizei wird er Anfang 1942 für zwei Monate verhaftet, doch gelingt es ihm die Schweden zu überzeugen, dass er nicht der gesuchte Gunnar Sønsteby sei. Diesen Namen legt er nun für den Rest des Krieges völlig ab, operiert unter zahlreichen Deckidentitäten. Für die SOE beginnt er als Agent mit der Codenummer 24. Papiere, egal ob Pässe, Dienstausweise oder seinen Führerschein, erstellt er selbst. Und er verschafft sich diverse Deckadressen. Ein einsamer Wolf, der hier schläft, da isst und dort arbeitet. Mit seinem Wissen ist es angeraten, ganz allein die Verantwortung für sich zu übernehmen.

Verfolgung

Anfang 1943 entlockt die Gestapo unter der Leitung von Kriminalrat Siegfried Fehmer einem Telegraphisten aus London unter Folter Sønstebys wahren Namen sowie einige seiner Kontakte und Deckadressen. Um ihn zur Aufgabe zu zwingen, nimmt die Gestapo seinen Vater als Geisel und droht ihn zu erschießen – eine Situation, die beide, Vater und Sohn, vorhergesehen und bereits besprochen haben, als sie tatsächlich eintritt. „Du machst deinen Job, und ich mach meinen, egal was passiert“, diese Unbeugsamkeit bringt den Vater für zwei Jahre ins Konzentrationslager Grini. Der Sohn schaut bereits in den Lauf einer auf ihn gerichteten Polizeipistole, doch ihm gelingt die Flucht. Sein umfangreiches Wissen und seine Kontakte werden zur Belastung. Im April 1943 verlässt er Norwegen über Schweden zur Spezialausbildung bei der Norwegian Independent Company No. 1, der so genannten Kompanie Linge in Großbritannien.

Sønsteby spricht leise, die Arme vor der Brust verschränkt, eine typische Haltung. Er ist ernst und bestimmt, und doch freundlich, mit feinem Humor.

Während der Ausbildung in Großbritannien eckt er an. „Sie wollten mir etwas beibringen, worauf ich mich schon aufs Beste verstand.“ Strenge Disziplin, Gleichschritt und Autoritäten liegen ihm nicht. Dafür ist er selbst eine zu starke Führungspersönlichkeit, „ein brillanter Individualist, der trotz seiner Jugend, aufgrund seiner Talente den Respekt der wichtigsten Norweger im Widerstand gewonnen hat“, so der britische Sicherheitsdienst MI 5. Nach seiner Rückkehr nach Norwegen im November 1943 unterstützt Sønsteby zunächst seinen früheren Schulkameraden Knut Haugland und begleitet ihn im darauf folgenden Frühjahr auf der Flucht nach Schweden.

Chef der Olso-Gang

Als der Krieg 1944 in die entscheidende Phase tritt, ist auch der Zentralvorstand des norwegischen Widerstandes bereit, den Meinungskampf nunmehr mit bewaffnetem Kampf zu ergänzen. Das bedeutet, dass die in England ausgebildeten Saboteure verstärkt zum Einsatz kommen. Als vortrefflicher Analytiker und Stratege ist Sønsteby derjenige unter ihnen, den alle konkurrenzlos als Aktionschef für Oslo anerkennen. Die Oslo-Gang soll kurzfristig wichtige Sabotageaktionen und andere Aufgaben durchführen, für die die Linge-Männer aus England gebraucht werden.

Die ersten Aktionen richten sich gegen die Einberufung von fünf Jahrgängen junger Norweger an die Ostfront, die die Regierung unter Quisling Deutschland zur Verstärkung angeboten hat. Durch die Sprengung von Arbeitsämtern im ganzen Land und die Zerstörung von Lochkartenmaschinen wird die Registrierung erheblich gestört. Als die Regierung Quisling droht, Lebensmittelrationen als Druckmittel zurückzubehalten, entführt Sønsteby mit seinen Leuten bei helllichtem Tag einen LKW mit 75.000 Lebensmittelkarten, die sie nur gegen die Zusicherung zurückgeben, dass die Lebensmittelversorgung künftig nicht mehr zur Erpressung verwendet werde – für Quisling ein politisches Fiasko. Es folgen Anschläge auf kriegswichtige Industrieanlagen, Transportmittel, Waffen- und Munitionslager. Für eine der wichtigsten Aktionen hält Sønsteby die Operation „Betonmischung“, in der innerhalb einer Nacht landesweit Eisenbahnlinien und die in deutscher Hand befindliche Hauptverwaltung der Norwegischen Staatsbahn gesprengt werden. Der Plan der Wehrmacht, für die Entscheidungsschlacht ihre ausgeruhten Truppen aus Norwegen auf den Kontinent zu transportieren, wird damit vereitelt.

Furchtlos

Unterdessen gehen Kriminalrat Siegfried Fehmers Verhaftungen und Repressalien weiter. 200.000 Kronen, heute umgerechnet rund 360.000 Euro Kopfgeld hat er auf „Student Sønsteby“ ausgesetzt. Auf andere Mitglieder der Oslo-Gang immerhin 100.000. „Ich hatte keine Angst. Ich glaubte nicht, dass ich überleben würde.“ Sønsteby versteht es, sich selbst zugunsten einer Sache zurückzunehmen. Das tut er auch heute noch, wenn ihn die Schmerzen beim Gehen peinigen. Er kann sie vergessen.

Etliche Fragen, etwa die, was Mut ist oder ob es mitunter schwierig war zu entscheiden, wen er zu einer Aktion mitnahm, laufen immer auf dieselbe Antwort hinaus: „Es galt eine Aufgabe zu erledigen. So gut wie möglich. Das war alles. Entscheidend waren gute Vorbereitung und genaueste Recherche, um nicht mit dem Feind nach dessen Prämissen kämpfen zu müssen. Ich habe nicht an mein Leben gedacht, sondern für ein freies Norwegen gekämpft.“

In den letzten Monaten des Krieges schläft Sønsteby mit einer Handgranate oder einem Koffer Sprengstoff neben dem Bett. Mit seinem Wissen ist er eine Gefahr sondergleichen für seine Widerstandskameraden. „Ich war Aufklärer, ich kannte alle Namen im Widerstand. Wäre ich geschnappt worden, hätte das eine Katastrophe bedeutet. Lebend ergeben konnte ich mich nicht. Unter Folter war man unterlegen, das war unsere Erfahrung. Wäre ich gefasst worden, so hätte ich mir das Leben nehmen müssen. Wie einige meiner Freunde es getan haben. Das hätte dann sein müssen.“ Sein unscheinbares Äußeres erlaubt es ihm dennoch, mit unschuldiger Mine unerkannt durch Oslo zu radeln. In die neuen Identitäten lebt er sich komplett ein. Und etliche Male hilft ihm sein siebter Sinn für Gefahr einer Verhaftung zu entgehen.

Ein einziges Mal in fünf Jahren versagt ihm die Stimme. Es ist der 2. Mai 1945, auch die norwegischen Nationalsozialisten haben angefangen, belastende Dokumente zu vernichten. Die Oslo-Gang verstärkt durch einige Milorg-Männer soll die Archive des Polizei- und Justizministeriums sicherstellen. Zum ersten Mal kommt ihm der Gedanke, dass er wider Erwarten überleben könnte. Plötzlich zeigt er Nerven. Die Aktion gelingt. Als am 8. Mai erstmals nach fünf Jahren wieder norwegische Fahnen wehen, ist es für ihn eine enorme Erleichterung. „Es war, als hätte ich einen schweren Rucksack abgelegt.“

Verantwortung

Immer wieder wird Gunnar Sønsteby mit der Frage nach der persönlichen Verantwortung konfrontiert, angesichts von Geiselerschießungen und anderen Repressalien die Sabotagearbeit fortgesetzt zu haben. Grundsätzlich, so sagt er, habe der Widerstand seine Befehle aus London bekommen. „Ich habe mehrmals Aufträge abgelehnt. Aber das musste wohl überlegt sein. Die Gegebenheiten vor Ort kannten wir besser als unsere Befehlshaber und darüber konnte man diskutieren. Aber im Großen und Ganzen hatten wir unsere Befehle von den Alliierten.“

„Wir wussten, wenn unsere Aktionen misslangen, kostete das Menschenleben. Also haben wir immer unser Bestes gegeben. Wir haben getan was wir konnten, damit unschuldige Menschen unserem Widerstandskampf nicht zum Opfer fielen.“ Um Repressalien gegen die norwegische Zivilbevölkerung zu vermeiden, ließen sie beispielsweise Ausrüstungsgegenstände der britischen Armee am Tatort zurück und lenkten damit die Spur auf die Alliierten und weg vom Widerstand. Selbst Leib und Leben von Besatzungsangehörigen versuchten sie wenn möglich zu verschonen.

Gunnar Sönsteby als auch Max Manus stehen stellvertretend für die Norweger, die für Demokratie und Freiheit ihres Landes kämpften und dafür zum Teil ihr Leben ließen. Ihre Aktionen waren vielleicht nicht kriegsentscheidend und doch mehr als ein ewiger Stachel im Fleisch der Besatzer, auf den sich der Selbstrespekt der norwegischen Nation nach dem Krieg beruft, mehr als nur Fußnoten in der norwegischen Geschichte. Seit einigen Jahren allerdings regt sich Kritik an der etablierten Geschichtsforschung. Sie habe ein einseitig patriotisches Geschichtsbild vermittelt, in dem der Widerstand überhöht und der Einsatz anderer Akteure, etwa der norwegischen Handelsflotte, nicht genügend gewürdigt worden wären. Zu den dunklen Seiten ihres Kampfes wie den Liquidationen haben die Beteiligten dieselbe Verschwiegenheit gewahrt wie in ihrer aktiven Zeit im Widerstand. Erst seit wenigen Jahren erforschen Historiker, nicht nur in Norwegen sondern weltweit, die Kriegsführung der Siegermächte, die Liquidationen oder alliierten Bombardierungen ziviler Ziele in Deutschland, und die Kollaboration. Eine sachliche historische Analyse und Bewertung dieser Themen wird der historischen Leistung der Widerstandskämpfer keinen Abbruch tun. Wie im Beispiel Sønstebys geht diese oft weit über die Zeit des Zweiten Weltkrieges hinaus.

Versöhnung

Nach dem Krieg steht Gunnar Sønsteby wieder ganz oben auf einer Liste. Seine Fähigkeiten als Aufklärungsagent machen ihn zu einem begehrten Mann für die Headhunter der Geheimdienste, des norwegischen, des amerikanischen, des britischen. Er entscheidet sich für einen zivilen Beruf, studiert in den USA und gründet zurück in Norwegen eine Familie. Als Verkaufsdirektor einer Papierfabrik in Halden baut er ab 1950 ein Netz von Handelsvertretern in Deutschland auf, trifft u.a. mit Rudolf Augstein und Willy Brandt zusammen. Er setzt auf Aussöhnung mit den deutschen Kriegsgegnern und norwegischen Sympathisanten der Okkupationsmacht, will das Geschehene hinter sich lassen und Deutschland schnellstmöglich beim Wiederaufbau helfen. „Für mich der Krieg was over.“ Seine Rationalität hilft auch hier gegen Hass und Verachtung: „Hass? Nein, meines Erachtens liegt das uns Norwegern nicht. Darauf lässt sich keine Gesellschaft bauen.“ Gerade in seiner Generation ist das nicht selbstverständlich – damals und manchmal auch noch heute.

Wie Max Manus im Film hat auch Sønsteby nach Ende des Krieges mit seinem erbitterten Widersacher Siegfried Fehmer gesprochen. Fehmer habe ihn nach dieser Begegnung als „außerordentlich anständig und sportlich“ beschrieben. Es sei vor allem um Fachliches gegangen, Sønsteby habe interessiert, wie viel Fehmer über ihn wusste. Und von seinem rationalen Standpunkt bringt er sogar ein gewisses Verständnis auf für den Mann, der ihm jahrelang nach dem Leben trachtete: „Das war seine Aufgabe. Er hatte den Befehl vom Oberkommando, den Widerstand zu unterbinden. Aber die Folterungen gehen, wie ich finde, über das Verdauliche hinaus. Dennoch, es war seine Aufgabe, und mit welcher Härte er dabei vorging, war seine Sache. Das ist sehr sehr schwer das zu beurteilen.“ Als versöhnlich würde er die Begegnung wohl nicht bezeichnen, aber geprägt von gegenseitigem Anstand.

Der Kampf um die Demokratie hört niemals auf

Bereits 1950 beginnt Sønsteby mit Vorträgen für Schüler, Studenten, Unternehmen, Sportler. Inzwischen sind es weit über tausend. Zudem hat er hat mehrere Bücher veröffentlicht. Sein erstes, Report from No. 24 von 1960, gilt als ein Klassiker der norwegischen Widerstandsgeschichte und ist in mehreren Sprachen erschienen. Auf Deutsch nie. Den Erlös in Höhe von damals rund 400.000 Kronen, heute umgerechnet etwa 400.000 Euro, spendete Sønsteby an versehrte Kriegsveteranen und Insassen von Konzentrationslagern.

Dass die Geschichte der Oslo-Gang nun verfilmt wurde, freut ihn sehr. Man könne viele Bücher lesen, doch nur der Film könne ein realistisches Bild von der Atmosphäre jener Jahre vermitteln und davon, was es bedeutete, im Widerstand zu arbeiten. Durch den Film hat sich das Interesse an seinen Vorträgen vervielfacht und so reist Sønsteby nach wie vor unermüdlich durch die Lande. Seine wichtigste Botschaft an die nachfolgenden Generationen: „Demokratie, Meinungs- und Glaubensfreiheit müssen jeden Tag neu behauptet werden gegen Diktatur und gegen jene Einstellungen, die damals die Welt in die Katastrophe führten. Dieser Kampf hört niemals auf.“

Das Gespräch führte Tanja Bradtke.

 

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