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Teresa Nawrot

"Quasi nackt auf der Bühne" Interview mit Professor Teresa Nawrot, Leiterin der Theaterschule REDUTA

"Redoute" ist die Bezeichnung für eine Wehranlage, die Schutz vor feindlichen Geschossen bietet, bedeutet aber auch Mummenschanz oder Maskenball. "Reduta" hieß zwischen den Weltkriegen aber auch ein berühmtes Theater in Warschau, dessen Leiter, Juliusz Osterwa, als Vater des modernen polnischen Theaters gilt. Teresa Nawrot, die Gründerin und Leiterin der nach diesem Theater benannten Schauspielschule, hat in ihrer Reduta all diese Bedeutungen vereint. Sie betrachtet die Kunst als Festung gegen Ungeist, soziale Ungerechtigkeit und Gefühllosigkeit. Als Schule bietet die Reduta den geschützten Raum, in dem sich Talente entwickeln können.

Teresa Nawrot war in den 70er Jahren Schauspielerin und persönliche Assistentin von Jerzy Grotowski. Sie arbeitete als Schauspieldozentin in fast allen europäischen Ländern sowie in den USA, Südamerika, Australien und Ägypten. 1983 gründet Sie in Berlin-Kreuzberg ihre eigene Theaterschule. Neben ihrer Lehrtätigkeit an der eigenen Schule, gibt Teresa Nawrot Schauspielseminare in Europa, den USA und Japan.

 

KULTURHUS BERLIN: Glauben Sie, es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen der polnischen und der deutschen Auffassung, Theater zu machen?

TERESA NAWROT: Auf jeden Fall. Ich würde diesen aber als Unterschied zwischen dem polnischen und ostdeutschen sowie dem westdeutschen und westeuropäischem Theater festmachen. In Polen und Ostdeutschland wurde sehr viel Wert auf eine solide Schauspielausbildung gelegt, meines Erachtens das einzig Gute am Sozialismus. In beiden Ländern schloß man das Studium mit dem Magister bzw. Diplom ab. Als ich das erste mal in den USA arbeitete, fragte man mich, was ich von Beruf sei. Schauspielerin, antwortete ich. "Ja, aber Sie sind doch Magister. Was haben Sie denn gelernt?" Daran sehen Sie die unterschiedliche Wertschätzung des Schauspielerberufes. Die sozialistischen Länder hatten ja den Ehrgeiz, den kapitalistischen überlegen sein zu wollen. Da es auf anderen Gebieten schwer war, konzentrierte man sich auf Kunst und Sport. Und wenn Sie sich ansehen, wer internationales Renommée besaß und reisen konnte, dann waren das Künstler und Sportler. Ein anderer Unterschied liegt in der Bedeutung von Theater, Kunst überhaupt. Im Westen bezahlt man Eintritt und will etwas sehen für sein Geld, will unterhalten werden. Im Osten war Theater extrem wichtig und politisch. Obwohl es Zensur gab - die Zensoren waren meist ungebildete Parteifunktionäre - besaßen die Zuschauer die Gabe des "zwischen-den-Zeilen-lesens". Sie konnten auch nonverbale Botschaften deuten. Insofern war Theater eine der wenigen Nischen.

KULTURHUS BERLIN: Abgesehen von den Unterschieden zwischen Ost und West: Gibt es auch in der Ästhetik Unterschiede zwischen polnischem und deutschem Theater?

TERESA NAWROT: Die gibt es in der Tat. Für uns zählt mehr die Innerlichkeit, die Lebendigkeit auf der Bühne; das, was ich fühle, was ich erlebe. Vielleicht liegt das an der Mentalität und dem Temperament. In dieser Hinsicht hat Jerzy Grotowski das Theater revolutioniert In Deutschland wird sehr viel Gewicht auf Sprache gelegt. Das ist episches Theater in der Tradition von Brecht.

KULTURHUS BERLIN: Der Name Grotowski ist gefallen, mit dem Sie zusammen gearbeitet haben und der Ihre berufliche Laufbahn entscheidend geprägt hat: Wie würden Sie seine Methode genau beschreiben?

TERESA NAWROT: Das versuche ich unseren Schülern in dreieinhalb Jahren beizubringen. Und Ihnen soll ich das in wenigen Sätzen sagen? Aber ich will es versuchen. Das ganze Theater in Polen basiert auf Stanislawski (Anm. d. Red.: Konstantin Stanislawski war ein russischer Theaterreformer; an dessen Methoden sich Lee Strasberg orientierte; dieser beeinflußt stark die Schauspielausbildung in den USA.), der die Synthese zwischen innerem Erleben und äußerem Ausdruck des Schauspielers sucht hin zu einer "psychophysischen Handlung". Grotowski ging einen Schritt weiter. Sein "experimentelles Theater" ließ langsam alles weg, was das traditionelle Theater ausmacht: Bühnenbild, aufwendige Theatertechnik, Kostüme, Requisiten, Masken, also alles, hinter dem der Schauspieler sich "versteckt". Er machte das Theater arm - nicht in dem Sinne, daß die Theater kein Geld haben - sondern arm an Vehikeln, die der Mime benutzten kann. Der Schauspieler steht also quasi nackt au f der Bühne, nur mit seinem eigenen Körper, mit seiner Stimme, mit seiner Seele. Dies erfordert eine ganz eigene Schauspieltechnik, die Grotowski nun entwickelte.

KULTURHUS BERLIN: Was sind die Grundzüge dieser Technik, und wie bilden Sie sie aus?

TERESA NAWROT: Damals habe ich mit Grotowski zusammengearbeitet. Im Laufe unserer Experimente haben wir herausgefunden, daß bestimmte Bewegungen einen starken Einfluß auf unsere Psyche haben. Man führt nach konkreten Regeln konkrete Bewegungen aus, die andere Gefühle hervorrufen und tiefere menschliche Seiten. Auf diese Weise entsteht die totale Präsenz auf der Bühne. Atem- und Stimmtechniken ergänzen diese Methode. Darüber schreibt auch Peter Brook in seinem Buch "Der leere Raum".

KULTURHUS BERLIN: Was bedeuten in diesem Zusammenhang die "paratheatralischen Experimente" von Grotowski?

TERESA NAWROT: Wir haben ja das Theater schon auf den Schauspieler und den Zuschauer reduziert. Der letzte Schritt war, den Zuschauer verschwinden zu lassen.

KULTURHUS BERLIN: Wie das?

TERESA NAWROT: Indem wir den Zuschauer zu einem Teil des Theaters werden ließen, indem wir mit ihm interagierten. Damit war die Trennung zwischen Bühne und Publikum aufgehoben.

KULTURHUS BERLIN: War es für Sie Zufall oder eine bewußte Entscheidung, nach Berlin zu gehen?

TERESA NAWROT: Die Entscheidung war absolut bewußt. Ich arbeitete in Paris, als der polnische Regisseur Henryk Baranowski mich nach Deutschland einlud. Sofort war ich verliebt in Berlin und fasziniert von der Besonderheit der geteilten Stadt. Angesichts des Nationalismus in Frankreich - Le Pen hatte damals schon einen gewissen Einfluß - habe ich mich dort nie so richtig wohl gefühlt. Berlin dagegen ist sehr offen. Und nun lebe ich schon 24 Jahre hier.

KULTURHUS BERLIN: Haben die hier lebenden Polen die Stadt verändert?

TERESA NAWROT: Und wie. Inzwischen haben über 200 Menschen meine Schule absolviert, es gibt einen ständigen Austausch. In Kreuzberg, wo ich lebe und arbeite, gibt es ein enges Netzwerk. Wir stellen sozusagen das Gegengewicht zu jenen Polen dar, die herkommen, um das schnelle Geld zu machen. Aber nicht nur die Polen, alle hier lebenden Ausländer haben die Stadt verändert. Sehen Sie sich die Bergmannstraße an. Das ist mehr wie im Süden. Alle sitzen draußen und reden miteinander.

KULTURHUS BERLIN: Wenn ich vor hätte, Schauspielerin zu werden: Warum sollte ich an Ihrer Schule studieren?

TERESA NAWROT: Weil Sie nur in meiner Schule die richtige Grotowski-Methode aus erster Hand lernen. Das macht keine andere Schule auf der ganzen Welt. Und auch deshalb, weil ich meine Schule liebe.

 

Kontakt:

REDUTA Berlin

Schauspielschule für Theater und Film

Gneisenaustraße 41, 10961 Berlin-Kreuzberg

www.reduta-berlin.de

Das Interview wurde von Gabriela Friedrich im April 2007 geführt.

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