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Gabriele Schrey-Vasara

Über skandinavische Krimis und finnische Autoren. Fragen an Gabriele Schrey-Vasara von KrimiHelsinki

Der finnische Krimi stößt seit Jahren auf ein breites Interesse und eine länderübergreifende Begeisterung auf dem deutschsprachigen Buchmarkt. Einerseits ist vieles dem aktuellen Trend der skandinavischen Literatur zu verdanken, andererseits machen sich die finnischen Autoren auch außerhalb Finnlands durch bessere Vermarktung bekannt. Einen Beitrag dazu leistet die seit 1996 in Helsinki stattfindende KrimiHelsinki, eine literarische Veranstaltung, die Krimiautoren aus Finnland und den deutschsprachigen Ländern in Helsinki zusammenbringt. Das Ziel ist, dass sich Schriftsteller gegenseitig kennenlernen und über das Genre Kriminalliteratur austauschen. Auf einer Theaterbühne des finnischen Nationaltheaters lesen die Autoren aus ihren Werken und lassen sich voneinander inspirieren. Während das Interesse des Publikums für den interaktiven Krimievent wächst, erweitert die KrimiHelsinki ihr Konzept. Für die nächste KrimiHelsinki im November 2008 haben die Organisatoren nämlich auch den isländischen Autor Aevar Örn Josepsson eingeladen. Zur KrimiHelsinki und zum nordischen Krimitrend befragte KULTURHUS BERLIN Gabriele Schrey-Vasara, die seit Anfang an die Veranstaltung mitorganisiert und auch moderiert.

Gabriele Schrey-Vasara (Jahrgang1953) ist Übersetzerin und Bibliothekarin. Sie studierte Geschichte, Romanistik und Finno-Ugristik in Göttingen und Helsinki. Schrey Vasara hat vor allem viele finnische Kriminalromane ins Deutsche übersetzt, u.a. von Leena Lehtolainen, aber auch von Pentti Kirstilä, Matti Rönkä und Jarkko Sipilä. Neben Kriminalliteratur hat Schrey-Vasara auch viele Sachbucher übersetzt, vor allem im geschichtlichen Bereich. Die in Rheydt geborene Deutsche lebt in Helsinki seit 1979, ist verheiratet und hat zwei Kinder.


KULTURHUS BERLIN: KrimiHelsinki zählt zu den erfolgreichstem Literaturfestivals in Finnlands Hauptstadt. Wie und wann ist die Idee entstanden, dem finnischen Krimi ein solches Podium zu bieten?

Gabriele Schrey-Vasara: 1996. In dem Jahr war Kriminalliteratur Schwerpunktthema des von der Deutschen Bibliothek Helsinki herausgegebenen „Jahrbuchs für finnisch-deutsche Literaturbeziehungen“. Das wiederum hat den damaligen Botschaftsrat der Schweizerischen Botschaft auf den Gedanken gebracht, der Bibliothek eine schweizerisch-finnische Krimiveranstaltung vorzuschlagen. Nach Einbeziehung eines dritten Organisators, der Aue-Stiftung, wurde daraus dann eine größere Veranstaltung mit Autoren aus allen deutschsprachigen Ländern und aus Finnland. Die organisatorische Verantwortung ging dann nach einigen Jahren ganz auf die Deutsche Bibliothek über. Natürlich sind aber auch zahlreiche Kooperationspartner beteiligt.

KULTURHUS BERLIN: Welches Konzept stand seinerzeit dahinter, und hat sich das während der Jahre entwickelt oder gewandelt?

Gabriele Schrey-Vasara: Grundgedanke war und ist, einerseits dem Publikum interessante Krimiautoren und ihre Werke vorzustellen, andererseits auch finnische und deutschsprachige Krimiautoren miteinander bekannt zu machen. Was die konkrete Umsetzung dieses Konzepts betrifft, waren die ersten Jahre eine Art Orientierungsphase. Die zweistündige Veranstaltung war damals mit diversen Inhalten – Jazzmusik des Polizeiorchesters, Grußworte, Festvorträge – so überfrachtet, dass für die Autoren und ihre Texte kaum noch Raum blieb. Wir haben das Programm nach und nach entschlackt und auch den Fragemodus geändert. Anfangs wurde zum Beispiel jede Frage der Reihe nach allen Autoren gestellt und jeweils samt Antwort ins Finnische bzw. Deutsche gedolmetscht, heute ist die Hauptsprache Deutsch, und nur die Antworten des finnischen Autors werden übersetzt. Das derzeitige Konzept ist sinnvoll – zu Beginn gibt es Kurzlesungen aller Autoren, danach eine lockere Fragerunde, in der man je nachdem auf länderspezifische Besonderheiten oder übergreifende Gemeinsamkeiten eingehen oder beispielsweise über die Grenzen des Genres Krimi diskutieren kann.Da die Veranstaltung auf einer Theaterbühne stattfindet, versuchen wir immer auch ein wenig Bewegung oder z. B. einen Schlussgag hineinzubringen.

KULTURHUS BERLIN: Warum wollten Sie bei der KrimiHelsinki mitorganisieren? Wo liegt Ihr besonderes Interesse für das Thema?

Gabriele Schrey-Vasara: Zum Mitorganisieren bin ich eigentlich nur gekommen, weil ich bei der Deutschen Bibliothek arbeite und dort die einzige deutsche Muttersprachlerin bin. Als dann nach einigen Jahren ein neuer Moderator gebraucht wurde, habe ich diese Aufgabe sehr gern übernommen, weil ich allmählich eine ziemlich klare Vorstellung davon gewonnen hatte, wie die Veranstaltung aussehen sollte, und diese Vorstellung als Moderatorin natürlich am besten umsetzen konnte.Für Kriminalliteratur habe ich mich eigentlich „immer schon“ interessiert, anfangs war es ein Freizeitvergnügen, inzwischen durch Übersetzungsprojekte auch beruflich wichtig.

KULTURHUS BERLIN: Nach welchen Kriterien werden die teilnehmenden Autoren ausgewählt?

Gabriele Schrey-Vasara: Bei den finnischen Autoren wählen wir nach Möglichkeit jemanden, dessen Werke schon ins Deutsche übersetzt sind. Bei den deutschsprachigen ist das erste Kriterium, dass mir ihre Bücher gefallen, und das zweite, dass sich eine Runde ergibt, die auf ein interessantes Gespräch hoffen lässt, d. h. die Bandbreite, ob stilistisch, thematisch oder was auch immer, muss groß genug sein. Ob es dann mit der Chemie, der Gruppendynamik klappt und ob die Gäste redefreudig sind, wäre zwar ein wichtiges Kriterium, aber das weiß man ja in der Regel vorher nicht. Bei den bisherigen acht KrimiHelsinki ist es aber jedesmal bestens gelaufen. Entweder haben wir Glück gehabt oder Krimiautoren sind von Natur aus tolle Typen.

KULTURHUS BERLIN: Wie groß ist das Interesse gewesen, seitens der Autoren und Förderer?

Gabriele Schrey-Vasara: So gut wie alle eingeladenen Autoren haben sofort zugesagt, und die Förderer sind der Veranstaltung die ganzen Jahre hindurch treu geblieben.

KULTURHUS BERLIN: Und wie hat das Publikum KrimiHelsinki gefunden?

Gabriele Schrey-Vasara: Das Theater war nach einem leichten Knick Ende der 1990er Jahre jedesmal voll, mehr oder weniger alle Plätze ausverkauft.

KULTURHUS BERLIN: Der nordische Krimi erlebt gerade seine Blütezeit auf dem europäischen Buchmarkt. Wie lässt sich Ihrer Meinung nach der Erfolg begründen?

Gabriele Schrey-Vasara: Ich glaube nicht, dass es dafür nur einen einzigen Grund gibt. Vermutlich kommen da mehrere Faktoren zusammen. Zum Beispiel ist der europäische - und speziell der deutschsprachige Buchmarkt – gefräßig und sucht immer nach etwas Neuem. Erfolg zieht Erfolg nach sich: Wenn ein Buch z. B. in Deutschland erfolgreich ist, hat es größere Chancen, auch z. B. in Frankreich einen Verleger zu finden, und wenn Bücher aus nordischen Ländern Erfolg haben, wächst die Offenheit gegenüber weiteren Autoren der Region. Außerdem ist der nordische Krimi vielseitiger geworden, hat mehr zu bieten

KULTURHUS BERLIN: Woran liegt Ihrer Meinung nach das Besondere des finnischen Krimis? Wie kann er sich von seinen nordischen Nachbarn unterscheiden? Haben Sie vielleicht einen Geheimtipp für einen (neuen) Krimiautoren, der Erfolgspotenzial hat?

Gabriele Schrey-Vasara: „Den“ finnischen Kriminalroman gibt es eigentlich nicht. Es gibt sicherlich eine Tradition des realistischen und sozusagen „bodennahen“ Erzählens. Andererseits hat aber z. B. Pentti Kirstilä schon Ende der 1970er Jahre einen völlig anderen Weg eingeschlagen, und inzwischen ist das Spektrum noch viel breiter geworden. Das gleiche gilt übrigens sicher auch für die Kriminalliteratur der anderen nordischen Länder, in der ich mich nicht so wahnsinnig gut auskenne – aber doch gut genug, um zu behaupten, dass so ziemlich das einzige gemeinsame Merkmal zwischen, sagen wir mal, Henning Mankell und Håkan Nesser darin liegt, dass beide auf Schwedisch schreiben. Insofern ist der Stempel „Skandinavischer Krimi“ - oder auch „Finnischer“ oder „Isländischer“ etc. - einerseits sicher verkaufsfördernd, kann andererseits aber auch in die Irre führen. Mit Geheimtipps tue ich mich schwer, weil ich in letzter Zeit nicht zum Krimilesen gekommen bin. Wenn ich auf früher Gelesenes zurückgreifen darf: Die Bücher von Seppo Jokinen mag ich sehr.

KULTURHUS BERLIN: Wie sieht die kommende KrimiHelsinki aus?

Gabriele Schrey-Vasara: Diesmal wird es eine kleine Expansion geben, denn wir haben zusätzlich zu den immer beteiligten Ländern diesmal auch Island einbezogen, von dort kommt Aevar Örn Josepsson. Das „Format“ der Veranstaltung wird voraussichtlich im wesentlichen gleich bleiben. Inhaltlich bietet es sich diesmal an, darüber zu diskutieren, wo und wie man eigentlich die Grenze zwischen Kriminalliteratur und Nicht-Kriminalliteratur ziehen kann.

KULTURHUS BERLIN: Wie sehen Sie die Zukunft der finnischen Kriminalliteratur?

Gabriele Schrey-Vasara: Die Anzahl der Neuerscheinungen hat sich in den letzten Jahren vervielfacht, was bedeutet, dass auch das qualitative Spektrum nach oben wie leider auch nach unten breiter geworden ist. Die finnische Krimiszene ist sehr aktiv, und „Ruumiinkulttuuri“, die Zeitschrift der finnischen Krimigesellschaft, bringt sehr viel konstruktive Kritik an Büchern, die ein sorgfältigeres Lektorat verdient hätten. Insofern ist zu hoffen, dass die professionelle Spitze noch breiter wird und noch mehr eigenständige Stimmen auftauchen.

Die Fragen stellte Jenniina Ylonen

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