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Maike Hoffmann

Deutsche Schule in Sirdalen, Norwegen

Maike Hoffmann, Outdoor College im Sirdalen, Südnorwegen

Maike Hoffmann, 39 Jahre alt, ist gemeinsam mit ihrem Mann Günther Hoffmann, 43, Gesellschafter des Outdoor Colleges. Sie betreiben in Südnorwegen ein ganz besonderes Schulprojekt für Deutsche. Schule und das Leben in der Natur für sieben Monate miteinander zu verbinden und dabei sich selbst zu finden, ist der Gedanke dabei.

KULTURHUS BERLIN: Was steckt hinter der Idee und der Gründung der Schule in Südnorwegen?

Für „Event Nature“, der Jugendmarke der Globetrotter Outdoor Akademie, betreuen wir unter anderem Reisen nach Vest Agder in Südnorwegen, ins Sirdal. Seit ungefähr zehn Jahren kamen wir dabei regelmäßig auf dem Weg zur Sirdal Huskyfarm an dem kleinen Ort Tonstad an einer leerstehenden Schule vorbei und schon lange hegten wir den Gedanken, dass sich daraus etwas Schönes machen lassen müsste. Mein Mann Günther und ich haben beide Sport und Psychologie studiert und sind schon seit der Studienzeit der Erlebnispädagogik verfallen. Wir haben dann in Norddeutschland an der Schlei in der Sportpädagogik gearbeitet. Günther war auf einer Fahrt auf dem Segelschiff „Thor Heyerdahl“ dabei, „Klassenzimmer unter Segeln“, und das war sehr aufschlussreich und inspirierend: Schule ohne den lernhemmenden Frontal-Zuhör-Unterricht, lernen im Leben und an den Anforderungen der Natur und der engen Gemeinschaft auf einem Schiff! Wir dachten uns, dass es ja nicht unbedingt ein Schiff sein müsste.

Das ist unser Grundgedanke für unser Schulprojekt in Südnorwegen: Den jungen Menschen offene Möglichkeiten zu geben, sich selbst zu finden, das eigene Leben zu formulieren, Fragen zu stellen und Antworten zu finden. „Wer bin ich?“, „Was kann ich?“ Die Abwesenheit der Eltern, die Jahreszeiten, also der Herbst und der Winter in Norwegen, und die landschaftlichen Gegebenheiten im Wald und in den Bergen, bieten das auf ganz natürliche Weise.

KULTURHUS BERLIN: Wann ging es los?

Es ist für Ausländer nicht einfach, im Nicht-EU-Land Norwegen ein Grundstück zu kaufen; aber zum Jahreswechsel 2012/2013 hatten wir die Schule. Nach den Sommerferien sollte es losgehen. Die Zeit von Anfang August bis zur Rückkehr Ende Februar ist das erste Halbjahr der neunten Klasse (Oberstufe der Gemeinschaftsschule und des Gymnasiums nach schleswig-holsteinischem Schulrecht). Auf Messen und über eine Presseagentur haben wir dann für den ersten Jahrgang geworben. Ein Preisausschreiben in der Zeitschrift „Mädchen“ brachte uns die größte Bekanntheit – mit der Folge, dass der erste Jahrgang mit sechszehn Mädchen und sieben Jungs stark mädchenlastig ist.

KULTURHUS BERLIN: Die Kosten für An- und Abreise, Unterbringung, Betreuung in der Schule und während der Expeditionen sowie Ausrüstung betragen monatlich € 2.250,-. Wer möchte das für seine Kinder ausgeben? Wer möchte seinen Kindern diese Erfahrung gönnen und finanzieren?

Das sind nicht „Eliten“, die ihre Kinder auf ein exklusives Internat schicken. Es sind Eltern die es sich leisten können, die aber selbst „auf dem Boden geblieben“ sind und den Wert eines solchen Schulhalbjahres für ihre Kinder zu schätzen wissen. Und es sind die jungen Menschen selbst, die es sich von ihren Eltern wünschen und sich als Geschenke zu Weihnachten und Geburtstagen gemeinsam mit ihren Familien zusammensparen und deren Eltern diesen Wunsch gutheißen und unterstützen.

KULTURHUS BERLIN: Das Schulpensum Schleswig-Holsteins muss in diesem Halbjahr absolviert werden.

Ja, in Abstimmung mit den Lehrern daheim, den Eltern und Schülern werden Ziele definiert. Das ist in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern leicht, da gibt es klare Vorgaben. In Deutsch wird vereinbart, welche Literatur erarbeitet wird und in den Fremdsprachen geht es um Erweiterung des Wortschatzes und der Grammatik. Wir unterrichten Deutsch, Mathematik, Englisch, Norwegisch, Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Biologie), Gesellschaftskunde (Geschichte, Erdkunde, Politik). Es gibt außerdem die Wahlpflichtfächer (Sport, Kultur, Musik, 2. Fremdsprache). Zudem gibt es verschiedene Aktivitäten mit norwegischen Schülern, wie z.B. gemeinsame Sportkurse.

KULTURHUS BERLIN: Haben die deutschen Schülerinnen und Schüler Kontakte zur Kultur Vest Agders und des Sirdalen?

Ja, unser Schulprojekt ist von der einheimischen Bevölkerung nach anfänglicher Skepsis gut aufgenommen worden und unsere Schüler machen bei den Festen und Traditionen des Ortes mit. Die „Sirdalsdagene“ mit dem Schaftrieb Anfang Oktober sind ein großes Fest. Es wird veranstaltet von „Sirdal sau & geit“, gleichzeitig findet die norwegische Meisterschaft im Schafscheren. Es ist bedeutungsvoll für die Region, auch für die jungen Norweger dort. Unsere Schüler sind bei den Vorbereitungen des Festes dabei und nehmen auch sonst an den Ereignissen teil, die für den Ort und die jungen Menschen wichtig sind. Sie nehmen einiges mit aus der Alltagskultur mit, zum Beispiel, dass Trachten und Traditionen hier auch bei der Jugend sehr positiv besetzt sind und gepflegt werden.

KULTURHUS BERLIN: Haushalt, Schule, Hundebetreuung, Outdoortraining, 32 Jugendliche, Lehrer, Outdoortrainer, Projektleiter – das muss alles organisiert und koordiniert sein.

Platz ist für 32 Schüler; im laufenden Durchgang sind es 23. Wir leben in der Schule in einer Familie. Jeweils abwechselnd die Hälfte der Schüler betreibt den Haushalt, also das Einkaufen, Kochen, Saubermachen, und betreut die Hunde auf der Huskyfarm. Wir leben zusammen sehr familiär, einschließlich familiärer Konflikte. Wir haben einen Schülerrat, ohne Lehrer, ohne Erwachsene, in dem die jungen Menschen Konflikte und Fragen selbst klären und beantworten. Und einen Schulrat, in dem zwei Erwachsene und zwei Schüler gleichberechtigt sind.

KULTURHUS BERLIN: Was ist das spezielle erlebnispädagogische Angebot eures Colleges?

Alle drei Wochen geht es für jeweils eine Woche hinaus zum Trekking, auf Kanutour, Skitour, Hundeschlittentour. Der Unterricht geht draußen weiter. Da ist natürlich das Outdoortraining als „Unterrichtsstoff“, aber der Schulstoff wird zum Lernen an den realen Gegebenheiten. Zum Thema „Fjord“ zum Beispiel gibt es Mathematik, Naturwissenschaften, Literatur – und Kanufahren! Unsere Lehrer sind da sehr fantasievoll. Zwanzig Autominuten entfernt liegt die Sirdal Huskyfarm. Dort betreuen die Schüler die Hunde, sie unterstützen also die sogenannten „Dog Handler“, bei der Pflege der Tiere und beim Training. Ziel ist es, zum Ende des Aufenthalts eine Expedition mit Schlittenhunden in der wundervollen Winterlandschaft selbst zu planen und durchzuführen, einschließlich Sicherheitskonzept und allem was dazu gehört. Jeder baut dabei eine persönliche Beziehung zu den Tieren auf. Für die Abschlusstour ist es besonders wichtig, dass man die Huskys gut kennt, denn jeder soll die Führung für ein Hundegespann übernehmen.

KULTURHUS BERLIN: Was genau wird bei diesen Expeditionen geübt? Wie gehen die Schülerinnen und Schüler mit dieser Aufgabe um?

Während der Wildnistouren erlebt sich jeder selbst in der Natur. Gleichermaßen werden soziale Kompetenzen entwickelt und erprobt. „Wie wirke ich auf andere?“ „Wie muss ich sein, um beachtet und geachtet zu sein?“ Natursportliche Fachkompetenzen sollen nach Abschluss der Touren jeden in die Lage versetzen, draußen zu leben und sich zu orientieren, Risiken zu erkennen und Lösungen zu finden. Die zurzeit laufende Abschlusstour leidet sehr unter starkem und andauerndem Wind. Es offenbart sich, wie bei allen Touren, starke Persönlichkeiten ebenso, wie Selbstüberschätzungen und in der Gruppe verdeckte Konflikte. Dabei zeigt sich oft, dass Mädchen „stärker“ sind, Mädchen sind mutiger, sie gehen anders mit Konflikten um, sie trauen sich mehr zu, sie haben im Alter von 14 und 15 Jahren eine bessere Lebensorientierung. Jungen sind in dem Alter noch verspielter, sie suchen nach Orientierung in der Gesellschaft, ihnen fehlt es noch an Halt. Mädchen haben in unserer Kultur die größeren Wahlmöglichkeiten, sich für „Rollen“ zu entscheiden. Da ist es schön zu sehen, wie Jungen – junge Männer – in der Küche bei der Küchenarbeit erleben, dass auch diese „Rolle“ Spaß macht und Anerkennung in der Gemeinschaft bringt. Das ist es, was wir zu bieten haben, das Sich-Ausprobieren, Sich-Erfahren in realen Situationen!

Eine Schülerin sagte in der emotionalen Weihnachtszeit, sie feiere dieses Mal „Weihnachten mit einer Familie“, wie sie sie „nie wieder haben werde“. Ich finde, das ist eine sehr starke Reflektion!

KULTURHUS BERLIN: Hast Du für Dich genug Raum und Zeit, für Dich und Deine Familie?

Ich selbst bin so oft wie möglich draußen, im Wald und am und auf dem Wasser, im Kanu, im Segelboot. Unsere Tochter ist jetzt fünf Jahre alt – und sie ist „dabei“!

Das Gespräch führte Hans-Joachim Gruda im Februar 2014

Fotos: Outdoor College - mehr über das Outdoor College auf http://www.outdoor-college.de/

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