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Nacht in Beton

Stilsichere Darstellung ohne (große) Gefühle

Nach dem Erfolg ihres Dokumentarfilmes über den Krieg in Tschetschenien, Melancholian 3 huonetta („Die 3 Zimmer der Melancholie“), kehrt die berühmte finnische Regisseurin Pirjo Honkasalo (geb. 1947) mit der Romanverfilmung von Pirkko Saisios Betoniyö zurück.

Betoniyö beginnt mit einem apokalyptischen Alptraum: Der 14-jährige Simo (Johannes Brotherus) träumt von seinem Tod. Die Realität sieht bei ihm aber auch nicht viel besser aus: Die Beziehungen zwischen ihm, der Mutter (Anneli Karppinen) und dem älteren Bruder Ilkka (Jari Virman) sind konfliktgeladen; die drei können nicht miteinander reden und zu Hause herrscht schlechte Stimmung, auch deshalb, weil Ilkka zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden ist. Im Film wird seine letzte freie Nacht dargestellt, die er mit Simo in Helsinki verbringt. Die Brüder schlendern durch die Straßen, rauchen, trinken und reden. Ilkka erzählt Simo von seinen visionären eschatologischen Vorstellungen (er denkt, dass die Menschheit bald ausstirbt und die Skorpione die Welt regieren, bis sie sich alle umbringen), die den kleinen Bruder erschrecken und zugleich faszinieren. Simo lässt sich von Ilkkas egoistischen und desillusionierten Lebensansichten beeinflussen und wird selbst immer rücksichtsloser gegenüber anderen. In seinen Alpträumen, die ihn ständig heimsuchen, verarbeitet der naive und unschuldige Simo die konfliktgeladene Welt der Erwachsenen mit ihren sozialen und existenziellen Problemen. Seelisch verstört, sucht er in dieser Nacht nach seiner Identität bzw. seinem Platz in einer Welt, die ihm (zugleich) fremd ist und ihn trotzdem fasziniert. Entscheidend für ihn wird das Treffen mit einem geheimnisvollen Nachbarn, den Ilkka als „der Schwule“ bezeichnet. Durch ihn erfährt Simo seine wahre Identität: In seiner Verweigerung, sich von dem Nachbarn halbnackt fotografieren zu lassen, wird er plötzlich selbst gewalttätig. Seine völlig übertriebene Reaktion führt zur Eskalation, und es kommt zu einem tragischen, aber zugleich voraussehbaren Ende.

In der schönen, aber ebenso erbarmungslosen Großstadt Helsinki gehen menschliche Probleme und Nöte unter. Die wunderschönen Ausblicke über die finnische Hauptstadt sind wie der gesamte Film fotografisch meisterhaft in Szene gesetzt. Auch Honkasalos Entscheidung, den Film in Schwarz-Weiß zu drehen, kreiert eine unheimliche, traumhafte aber auch rohe Atmosphäre. Dazu tragen auch die minimal gehaltenen Dialoge zwischen den Protagonisten sowie die häufige Verwendung von Schimpfwörtern (wie „vittu“, auf deutsch ungefähr „Scheiße“) und die Nahaufnahmen von Gesichtern und Einzelheiten – z.B. die Schuhe von Simo, die zum Symbol der verlorenen Schuldlosigkeit werden – bei. Die Leistung der Schauspieler, vor allem von Jari Virman, ist lobenswert.

Das Publikum darf einen technisch tadellosen Film genießen. Die perfekte Realisation wird aber auch zum Nachteil, denn es entsteht ein starker Kontrast zwischen Form und Inhalt: Der Film sieht zu schön aus, da hätte man sich zumindest eine überzeugendere Ausarbeitung der psychischen Konflikte des Protagonisten gewünscht. Mit der Stilsicherheit Honkasalos im Film gehen die Emotionen leider verloren. Betoniyö ist deshalb ein Genuss für das Auge, aber nicht für das Herz.

Manuel Ghilarducci

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