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Sápmi und die Samen
Samische Jugend / Foto: Liane Gruda
Kirche in Jukkasjärvi: Altarbild / Foto: Liane Gruda
Kirche in Jukkasjärvi / Foto: Liane Gruda
Frühjahrsmigration der Rene / Foto: Liane Gruda
Impfung von Renen / Foto: Liane Gruda
Renhirte / Foto: Liane Gruda
Markierung der Renkälber / Foto: Liane Gruda
Samisches Handwerk / Foto: Liane Gruda
Trachten / Foto: Liane Gruda

Am 20. Oktober 2013 wird KULTURHUS BERLIN sein zehnjähriges Bestehen feiern, unter anderem mit einem Konzert des samischen Sängers Jörgen Stenberg und seiner Band. Präsentiert wird er von der nordschwedischen Stadt Umeå, die - gemeinsam mit Riga - im nächsten Jahr Europäische Kulturhauptstadt sein wird: "Umeå2014". Umeå ist nach schwedischem Recht "samisches Verwaltungsgebiet"1 und deshalb wird es dort 2014 auch viele Beiträge aus der Kultur der Samen geben. Wer sind "die Samen", wo und wie leben sie?

Die Samen sind eine Urbevölkerung im Sinne der UN-Konvention ILO 169 von 1989 und der UN-Deklaration über die Rechte indigener Völker von 20072. Ihr Siedlungsgebiet umfasst die nördlichsten Teile Norwegens, Schwedens, Finnlands und der russischen Kola-Halbinsel. Seine südlichsten Punkte sind Røros in Ostnorwegen und Trondheim an der Westküste Norwegens. Im Inland verläuft die gedachte Grenze über Östersund, Älvdalen nach Umeå an der Ostseeküste. Die Samen betrachten die Ostseeküste entlang des Bottnischen Meerbusens von Umeå in Schweden über Luleå, Haparanda, bis nach Tornio in Finnland als samisches Gebiet. Über Kemi und Kuusamo wird der Nordteil der Halbinsel Kola erreicht. Die Eismeerküste, Kirkenes in Nordnorwegen, das Nordkap und Tromsø sind samische Siedlungsgebiete. Sie selbst nennen ihr Land Sápmi oder Sáme Ätnam – das Land der Samen.

Sprachliche Ursprünge

Seit ungefähr dem neunten Jahrhundert war die Region, die wir heute "Sápmi" nennen, bekannt unter der Bezeichnung "Finnmarken". Ab ungefähr dem 13. Jahrhundert erscheinen im Altschwedischen die Worte "lappa mark" und "lapmark" und man sagte damals im Schwedischen "lappar" zu den Samen, während man in Norwegen "finne" sagte, was noch im Wort Finnmark weiterlebt. Beide Bezeichnungen wurden parallel benutzt und noch bis ins 17. Jahrhundert sprach man auch in Schweden von "finnvaror" und "finnhandel" (Finnenwaren, Finnenhandel), wenn man Pelze, getrockneten Fisch und so weiter meinte. Von "Rassenbiologen" wie Ernst Häckel3 und Rudolf Virchow wurden mit Beginn des 20. Jahrhunderts schicksalsschwere Vorstellungen über den "Wert der Rassen" etabliert, aus denen dann "wissenschaftlich begründete" Diskriminierungen und Maßnahmen hergeleitet wurden, wie Zwangssterilisierung (die im Norden neben den Samen auch andere Minderheiten trafen wie Juden, Tornedalsfinnen und Behinderte). Das Wort "Lappe" wurde zum Schimpf- und Schandwort.

Spätestens in den frühen achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts begann sich eine dem Wunsch der Samen folgende andere Sprachregelung durchzusetzen. Im Lulesamischen heißen die Ureinwohner Sápmis singular: sabme, Plural: samek. Heute benutzen wir im Deutschen sing. Same/Samin, pl. die Samen/Saminnen, so übernommen aus den norwegischen und schwedischen Bezeichnungen (sing.: same, pl.: samer, bestimmte Form Plural (die Samen): samene bzw. samerna).4

Weiter in Gebrauch sind die Namen der schwedischen Landschaft „Lappland“ und der finnischen Provinz „Lapin Lääni“ als die wohl bekanntesten Teile der Region Sápmi.

Die Besiedlung des Landes

Vor ca. 8.000 Jahren ging im Norden Europas die letzte Eiszeit zu Ende. Dem zurück weichenden Eis und der fortschreitenden Erwärmung folgten die Tundren, dann Birken, Weiden und schließlich die Nadelwälder mit den jeweils typischen jagdbaren Tieren; ihnen folgten die Menschen. Zu den wildlebenden Renherden gesellte sich eine Renjägerkultur – die Vorfahren der heutigen Samen. Die ersten Siedlungsspuren reichen zurück in die Jungsteinzeit. Die Ursamen (und die Protosamen) lebten von der Jagd und vom Fischfang. Die Vorstellung, jemand könne Land, Wasser und Tiere als Privateigentum besitzen, war ihnen fremd. Die Menschen betrieben – angepasst an die jeweiligen Gegebenheiten der Klima- und Vegetationszonen – die Jagd auf Rene, Elche, Bären, Schneehühner und andere essbare Vögel und an der Küste auf Robben; in Flüssen, Seen und in den Meeren fingen sie Fische. Tundra und Wälder gaben Beeren, Kräuter, Archangelica, Knöterich-, Bärlauchgewächse und anderes Essbares.

Das Land ist auch heute noch dünn besiedelt. In der schwedischen Gemeinde Jokkmokk leben zum Beispiel nur 5.170 Menschen, davon ca. die Hälfte im Zentralort Jokkmokk und alle anderen leben verteilt in kleinen Dörfern, Siedlungen und Gehöften in einem Gebiet, das tausend Quadratkilometer größer ist, als Schleswig-Holstein und Hamburg zusammen. In Berlin-Kreuzberg leben beispielsweise12.385 Menschen auf einem Quadratkilometer, in der EU durchschnittlich 116. In der schwedischen Provinz Norrbotten aber nur 2,5 Einwohner auf einem Quadratkilometer, im finnischen Lappin Lääni nur 1,9 Einwohner und in Troms fylke in Nordnowegen 0,1.

Religion und Glaube

Nach den ursprünglichen religiösen Vorstellungen der Samen wurde die Natur von göttlichen Mächten erschaffen und sie ist noch immer von diesen Mächten beseelt. Aus dieser Vorstellung nährt sich die Achtung vor der Schöpfung. Es ist gleichermaßen wichtig, in Einklang mit der Natur zu leben, wie in Harmonie mit den Mitmenschen. Die Ahnen sind in der Erinnerung und in der Tradition "lebendig" und geben Ratschlag und Hilfe. Der Schamane (Noaide)5 gewährleistetet die Vermittlung zwischen den Menschen und dem Übersinnlichen. Er oder sie ist Arzt, Sozialpädagoge, Magier und Priester im Dienste der menschlichen Gesellschaft. Der Noaide reist durch die anderen Welten und besucht die Geister, um mit ihnen zu verhandeln und zu ringen. Ihm zur Seite stehen seine Hilfsgeister, oft in Tiergestalten. Er erkennt verheimlichte, vergangene oder künftige Ereignisse. Gefährdete Seelen nimmt der Noaide in schützendes Gewahrsam. Er geleitet die Seelen ins Reich der Toten. Er übt die Jagdmagie aus und hilft beim Auffinden von Beute. Er ist der Opferpriester bei der Verehrung der Götter und Hüter der Traditionen. Seine Trommel ist Wegweiser in die anderen Welten und Gerät zur Erreichung von Trancezuständen.

Weibliche Noaiden hießen guaps und konnten, wenn sie "girdenoaidi" waren, also "Flugschamanen, sogar stärker sein als männliche.6

Die Verehrung des Göttlichen fand an markanten Stellen in der Natur statt, den heiligen Wasserfällen, Seen oder Felsformationen; auch bestimmte Steine (seite) wurden als Manifestation des Göttlichen angesehen. Bestimmte Seen, Quellen und Öffnungen in Felsen und im Boden galten als Durchlassstellen zwischen den Welten.

Sprache

Die Sprachen der Samen gehören nicht zu den indoeuropäischen Sprachen, sondern zur großen Familie der finnougrischen Sprachen und ist am nahesten verwandt mit Finnisch. Die Samen haben zehn verschiedene Sprachen, wovon eine wahrscheinlich 2003 ausstarb und eine weitere mit nur noch ca. 20 Sprechern kurz davor steht. Am weitesten verbreitet ist heute das Nordsamisch, das in Nordnorwegen, Nordschweden und Nordwestfinnland gesprochen wird. Zur Rettung der vom Verschwinden bedrohten samischen Sprachen werden in den drei Nordischen Ländern Programme aufgelegt, Lehrer ausgebildet, Lehrmaterial geschaffen und Kurse eingerichtet.

Veränderungen der ursprünglichen Lebensweisen

Im Mittelalter wurden die großen Wälder im Norden zur Quelle für Pelzwaren: Biber, Bär, Zobel, Wolf, Fuchs waren begehrte Handelswaren. Händler aus Westen (Norweger), Süden (Schweden) und Osten (Russen) nutzten das Fehlen von Staatsgrenzen und von Staatsgewalt und die Samen wurden Teil eines funktionierenden Handelsnetzes unter Führung der Hanse und sie erlebten eine ökonomische Blütezeit. Wollstoffe und Silberschmuck hielten Einzug in die samische materielle Kultur.

Die Ostsamen auf der Kolahalbinsel wurden im 16. Jahrhundert einer Einwanderungswelle aus Sibirien ausgesetzt. Die Komi, ursprünglich aus Zentralsibirien stammend, wanderten mit sehr großen Rentierherden ein und die Samen zogen sich auf den Nordteil der Kola zurück.

In der Mitte des 16. Jahrhunderts war dann die Aufteilung des Nordens zwischen den Staaten faktisch vollzogen. Die Ansiedlung von Neusiedlern (nybyggare) wurde gefördert, um die Besitzansprüche zu festigen. Der Druck auf die Samen durch die Siedlungspolitik war stark: Die Lebensweise der Samen geriet immer mehr in Konflikt mit den Bedürfnissen der Siedler – und umgekehrt! Die samische Renjägerkultur endete. Ein Teil der Samen wurde sesshaft und lebte fortan von Viehwirtschaft (Kühe, Ziegen) in den Wäldern und vom Fischfang. Andere gingen von der Jagd dazu über, die Rentiere halbdomestiziert als persönliches privates Eigentum in einer "intensiven Renwirtschaft" zu bewirtschaften. Die Familien zogen entlang der Migrationsrouten mit den Herden zwischen Winterweiden und Sommerweiden im Kreislauf des Jahres.

Mit der Etablierung staatlicher Strukturen endete aber auch der einst freie oder lizensierte Handel. Feste Märkte unter staatlicher Aufsicht und Besteuerung wurden eingerichtet. Hier trafen sich und treffen sich noch heute alle, die das Jahr über verstreut in der dünn besiedelten Weite des Landes wenig Kontakt zu anderen Menschen hatten. Handel wird getrieben, Waren aus dem Süden gegen die Produkte der Wildnis des Nordens getauscht, man geht zu Gottesdiensten, es wird geheiratet und Geschäfts-, Behörden- und Gerichtsangelegenheiten werden erledigt. Noch heute sind die samischen Märkte Veranstaltungen für die Samen und andere Bewohner des Nordens. Der "Jokkmokks Vintermarknad" wird immer deutlicher zu einem samischen Kulturereignis und die Zahl der kulturellen, politischen, informativen Veranstaltungen nimmt zu. KULTURHUS BERLIN wird im Februar 2014 eine Kulturreise dorthin anbieten.

Vielfalt samischer Lebensweisen

Oberflächlich betrachtet, werden "die Samen" häufig auf das Klisché "Ren züchtende (ehemalige) Nomaden" reduziert. Die Vielfalt samischen Lebens wird dabei übersehen, sei es aus Unkenntnis oder aus Desinteresse. Nach der Lebensweise der Samen unterscheiden wir traditionell in See-Samen, die hauptsächlich vom Fischfang leben (viele von ihnen leben an der norwegischen Küste und auf der Kolahalbinsel), die Wald-Samen, sie fischen in den Binnenseen, haben Ziegen und eine Rentierrasse, die im Wald lebt und nur kurze Strecken wandert, und den „Fjäll-Samen“ (Gebirgs-Samen), die mit den Renen zwischen Sommerweide auf der Bergtundra und Winterweide in den flachen Waldgebieten über weite Strecken nomadisieren. Innerhalb der samischen Gesellschaft ist ein lebhafter Prozess um die Selbstfindung im Gange und die nach außen erscheinende Dominanz der Reneigner wird von anderen samischen Gruppen in Frage gestellt.

Renwirtschaft

Das Ren - rangifer tarandus (nordsamisch: buazu) kommt in Sápmi in zwei Unterformen vor. Das Waldren (r.t. fennicus) lebt relativ standortgebunden in den Wäldern. Die Herden der norwegischen Reneigner weiden im Sommer in den Küstenregionen des Atlantik und im Winter im Binnenland, die der schwedischen Samen migrieren zwischen den Wäldern im östlichen Flachland und den Tundren und Gebirgen im Westen, bis weit nach Norwegen hinein und legen dabei mehrere hundert Kilometer je Richtung zurück. In Finnland lebt hauptsächlich das Waldren, das bedeutend kürzere Migrationswege zurücklegt, als das Fjällren und es ist heute im gesetzlich geregelten Renzuchtgebiet nahezu standortgebunden.

Ungefähr seit den 1960er Jahren wich die intensive Betreuung der Renherden einer "extensiven Renwirtschaft". Mit Motorschlitten, Geländemotorrädern, Quadts, und Helikoptern vermeidet man lange Wanderungen mit der ganzen Familie und begibt sich direkt zu den Sommersiedlungen. Nur noch wenige hauptamtliche Hirten sind das ganze Jahr über bei den Tieren zur Bewachung vor Raubtieren und zur Kontrolle, ob genügend Zugang zu Futter besteht. Die Familien kommen dann zur Kälbermarkierung und bleiben nur wenige Tage oder ein paar Sommerwochen im Fjäll. Ansonsten leben sie von anderen Berufen: Bei Bergbaugesellschaften, in Werkstätten, als Lehrer, in der Touristik, als Künstler, etc. Zu den großen Ereignissen im Jahreskreislauf sind sie aber alle wieder zusammen bei den Tieren draußen in der Natur, zur Kälbermarkierung, Schlachtung, Renscheidung und Jagd.

Das Zusammenleben der Reneigner mit der sesshaften Bevölkerung und ihre Rechte zum Betreiben der Renweidewirtschaft sind durch staatliches Recht geregelt und die Samen besitzen gewisse Selbstverwaltungsrechte. In Norwegen und Schweden dürfen nur Samen Renwirtschaft betreiben, in Finnland darf dies jeder Bürger der Europäischen Wirtschaftszone mit festem Wohnsitz im gesetzlichen Renzuchtgebiet.7

Die grenzüberschreitende Renweide wurde zwischen Norwegen und Schweden in einem Anhang zum Grenzvertrag von 1751 detailliert geregelt, im noch heute geltenden Lappkodicillen. Durch Zusatzvereinbarungen wurde den schwedischen Samen dieses Weiderecht immer mehr eingeschränkt. Doch seit das letzte Grenzabkommen 2005 ausgelaufen ist, wurde (bisher) kein neues abgeschlossen, was zu Missverständnissen über die Rechtslage und zum Teil heftigen Konflikten zwischen schwedischen Reneignern und norwegischen Behörden führt.

In Schweden betreiben noch ca. 15 % der Samen (ca. 4.600) Renzucht (Samiskt Informationscentrum Sametinget). Nach Angaben des norwegischen Statistischen Zentralbüros (Statistisk sentralbyrå) betrieben in Norwegen im Jahre 2012 ca. 7 % der Samen (ca. 3.000) Renzucht (davon ca. die Hälfte Frauen).

Christianisierung und spätere Aussöhnung

Das Bemühen der Kirche um die Christianisierung der Samen begann mit einem Brief Königin Margaretas vom 6. August 1389 an den Erzbischof von Uppsala mit der Mahnung, die Kirche möge die Lappen missionieren, sie würden des christlichen Glaubens bedürfen. So richtig "ernst" wurde es in Glaubensfragen für die Samen aber erst mit der Einführung des Evangelisch-Lutherischen Glaubens als Staatsreligion in Schweden (1593 wurde der Katholizismus und alle anderen christlichen Glaubensrichtungen verboten). Die Missionierung wurde zur Geschichte der Unterdrückung, Verfolgung und Bestrafung. Der Besitz von Trommeln wurde unter Todesstrafe gestellt und sie mussten abgeliefert werden und wurden verbrannt; nur wenige kunstvoll gemachte Exemplare sind in Museen erhalten. Das Joiken, eine samische Gesangsform, wurde als Teufelswerkzeug verboten. Heilige Plätze wurden geschändet.

Für den Aufenthalt der zu den kirchlichen Festen von weither angereisten Besucher entstanden bei den Kirchplätzen Kirchendörfer (kyrkby) und Kirchenstädte (kyrkstad). Erhaltene Beispiele sind Ankarede und Fatmomakke, die noch in unserer Zeit für den gleichen Zweck genutzt werden, sowie Arvidsjaur mit den typischen Bauten der Waldsamen, Vilhelmina kyrkstad, die teils bewohnt und teils Jugendherberge ist sowie das UNESCO-Weltkulturerbe Luleå Gammelstad kyrkstad.

1826 kam der Priester Lars Levi Laestadius nach Karesuando (Gárasavvon), wo zu der Zeit ein paar hundert Menschen wohnten, hauptsächlich Samen. Die Bevölkerung war arm und Carl Schoyen gibt 1923 die Überlieferungen wieder, welche Probleme durch Alkoholkonsum entstanden. Laestadius wurde der eifrigste und bekannteste Erweckungsprediger des Nordens. Buße ist ein Weg zur Besserung, Nüchternheit wichtiger Teil des Kampfes gegen die „irdischen Sünden“. Die Anhänger der nach ihm benannten Erweckungsgemeinden leben streng puritanisch. Noch vor einer Generation waren bei ihnen Alkohol, Fernsehen, Verhütungsmittel, Blumenschmuck im Haus und auf Gräbern, Bilder an den Wänden, bunte Kleidung und Schmuck sowie Arbeit an Sonntagen verpönt. Vieles von diesen Grundhaltungen findet man noch heute in den nördlichsten und abgelegendsten Teilen Sápmis.

Heute sind die Samen in Schweden überwiegend reformierte Christen, teils in Freikirchlichen Gemeinden. Seit einigen Jahren besteht eine Arbeitsgruppe im Luleå Stift für die Versöhnungsarbeit zwischen der Schwedischen Kirche (Svenska Kyrkan) und den Samen. Im Herbst 2012 fand in Kiruna eine Konferenz statt, auf der konkrete Vorschläge erarbeitet wurden, wie die Versöhnung vorangebracht werden kann und der vor ca. zwei Jahrzehnten eingeleitete Versöhnungsprozess hat bereits ein sehr konkretes Niveau erreicht. Immer mehr samische Pfarrdienste werden geschaffen.

In Russland gab es keine Sonderstellungen für die Samen; sie wurden eingestuft als "Bauern" und steuerrechtlich und auch sonst wie Bauern behandelt. Die christliche Missionierung wurde von der Russisch-Orthodoxen Kirche nicht zwangsweise vorangetrieben, aber wer sich taufen ließ, erhielt zwei Rubel und für zwei Jahre Befreiung von allen Pflichten. In Russland herrschte Glaubensfreiheit (vergl. z. B. "Sperensky-Verordnung" von 1822). Auf der Kolahalbinsel wurde der erste Same 1526 getauft.

Die Zeit der Unterdrückung

Das 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts brachten den Samen Rassismus, Diskriminierung und Unterdrückung. Sie wurden als primitiv, rückständig und minder intelligent bezeichnet, ihre Lebensweise galt als ungeeignet, das Land ökonomisch sinnvoll zu nutzen. Samen sollten Norweger werden oder Schweden, Finnen bzw. Sowjetbürger. Es war nicht von Vorteil, „Lappe“ - also Same - zu sein. Viele wählten den Weg in die Assimilation; sie gaben ihre Sprache nicht mehr an ihre Kinder weiter und vergaßen viele Traditionen. C. Schoyen berichtet 1923 in seinen "Berichten aus Lappland", wie stolz er darauf sei, dass es in seinem nordnorwegischen Dorf eine richtige norwegische Schule gäbe und alle Samen fließend Norwegisch sprechen. Doch besonders bei den Reneignern, den Fjällsamen, bewahrten sich die alten Lebensweisen, alte Traditionen und der Stolz, ein Same zu sein und eine große Renherde zu besitzen.

Es war vermutlich das Ansinnen sozialdemokratischer und sozialistischer Regierungen nach 1945, nicht nur für soziale Gleichheit und Gendergerechtigkeit zu sorgen, sondern auch ethnische und kulturelle Ungleichheiten zu beseitigen. So war „Norwegisierung“ (fornorskning) vielleicht "gut gemeint" – doch mit fatalen Folgen für die samische Identität. Viele Samen integrierten sich ganz in die „moderne Gesellschaft“ und wollten nicht mehr daran erinnert werden, dass sie Samen sind.

Rückbesinnung

In den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts jedoch begannen die Samen, wie auch andere indiginen Völker, wieder stolz auf ihre Eigenheiten und Kultur zu sein. Besonders in der norwegischen Finnmark wurde die Debatte um die Situation der Samen sehr gefühlsgeladen und es gab sogar verbreitet die Vorstellung, die Samen könnten den Wunsch hegen, sich von den Nationalstaaten zu lösen. Doch letztlich fürchteten sich nicht nur die Norweger, sondern auch die Samen vor solchem „Extremismus“.

Junge Samen lernten wieder die Sprache ihrer Großeltern. Rhetorisch grenzte man sich zur "Mehrheitsgesellschaft" ab und betonte traditionelles "naturnahes Denken und Wirtschaften". Sie verwiesen darauf, dass die samische Lebensweise schon immer "nachhaltig" war. Trachten, Traditionen, Kunsthandwerk erlebten stolzen Aufschwung. Junge Künstler und Sänger befördern die samische Art zu malen und zu singen in die Gegenwart. Künstler und Handwerker wiederholen nicht nur Traditionelles, sondern sie entwickeln eine lebendige samische Gegenwartskunst. Jojk wird mit Musik zusammengeführt und aus den Trachten entsteht samisch inspiriertes Modedesign. Samische Kultur ist nichts rückwärts gerichtetes, sondern lebt in den Ideen und Handlungen der jungen Generationen.

Selbstverwaltung und Selbstbewusstsein

Seit Mitte der neunziger Jahre der 20. Jahrhunderts (ca. 1994) dürfen die Samen in allen Staaten, in denen sie leben, viele Dinge, die ihr Leben betreffen, selbst verwalten.

Wir finden heute in Sápmi (mit Ausnahme Russlands) zweisprachige oder mehrsprachige Ortsschilder, in den samischen Verwaltungsgebieten werden Amtshandlungen auch in der jeweiligen samischen Sprache vorgenommen, die Internet-Auftritte der Kommunen sind in einer oder gar mehreren samischen Sprachen, und es gibt samischsprachige Kindergärten und Schulen. In Radio und Fernsehen werden samischsprachige Sendungen ausgestrahlt (sogar in Kildinsamisch auf der Kolahalbinsel) und es gibt Bücher, Zeitungen, Zeitschriften und in Guovdageaidnu (Kautokeino) wurde 1990 "Sami Allaskuvla", eine samische Universität, eröffnet. Die Samen aus allen vier Staaten haben eine gemeinsame beratende Versammlung, einen Nationalfeiertag (6. Februar), eine gemeinsame Flagge und eine gemeinsame Fußballnationalmannschaft.

1993 wurde Sameslöjdstiftelsen Sámi Duodji (Die Stiftung für samisches Handwerk) gegründet. Zu ihren wichtigsten Aufgaben zählen das Marketing und die Verbreitung von Informationen über samisches Handwerk und die samischen Handwerker zu unterstützen, da es immer wieder Anlass gibt, vor Täuschungen zu warnen. Es wird "samisch" durcheinander gebracht mit "samisch inspiriert" oder "lappländisch" oder gar "finnisch". Handwerk nach samischer Art wird gar in Fernost hergestellt und in Touristenläden verkauft. Nach vierhundert Jahren der Unterdrückung sind viele engagierte Samen sehr empfindsam geworden, wenn es um die Attribute ihrer eigenen Identität geht.8

Leben heute

Das "Samiskt Informationscentrum, Sametingetinget" in Östersund (Schweden) gibt die Zahl der Samen mit insgesamt ca. 80.000 an, wovon 50.000 bis 65.000 in Norwegen, 20.000 in Schweden, 8.000 in Finnland und 2.000 in Russland leben.

Die heutigen Samen wollen modern sein und sie benutzen für ihre Wanderungen auch Hubschrauber und im Winter Motorschlitten. Aktuelle Konflikte gibt es aber weiter. Die Südsamen prozessieren jahrelang gegen die privaten Waldbesitzer um ihre Winterweide. Im Norden gibt es Auseinandersetzungen zwischen schwedischen Samen und norwegischen Behörden um grenzüberschreitende Sommerweiden und um den Bau einfacher Renwächterhütten. In finnisch Sápmi werden Wälder von der Zellstoffindustrie bedroht. Die Energiewirtschaft hat Flüsse gedämmt und Weide- und Siedlungsgebiete überflutet und die Wanderwege der Renherden zerschnitten. In den Sommerweidegebieten auf den Tundren sollen Windparks entstehen. Überall in den dünn besiedelten Gebieten des Nordens greift die Montanindustrie nach den Bodenschätzen. Und immer wieder gibt es einen "Alltagsrassismus" mit Übergriffen auf Samen in der Öffentlichkeit.

Der "ökologische Samen" ist nicht im Gegensatz zur modernen Mehrheitsgesellschaft zu sehen. Traditionelles samisches Wissen ist Teil eines globalen Urbevölkerungsdiskurses und gewinnt zunehmend Beachtung in Fragen der Biodiversität und Nachhaltigkeit. Zu diesem Schluss kommt beispielhaft eine von der norwegischen Regierung eingesetzte Kommission in ihrem Teilbericht von 1984, in dem auf das traditionelle Wissen über Zusammenhänge in der Natur und einen ökologischen Lebensstil hingewiesen wird.9 In Schweden hat Per Mikael Utsi im Auftrag des schwedischen Sametings 2007 eine Dokumentation veröffentlicht über die Zusammenhänge zwischen traditionellem samischen Wissen und nachhaltiger Naturnutzung und Biodiversität. Åsa Nordin äußerte 2008 in einem Artikel in der Schriftenreihe der Universität Umeå10 die Hoffnung, dass der Besitz traditionellen Wissens, das zur Lösung von Umweltproblemen beitragen könnte, als politisches Werkzeug eingesetzt werden kann.

Wer heute als Reisender nach Sápmi kommt, findet eine lebendige und vielfältige Kultur! Renwirtschaft, Kunsthandwerk, samische Märkte, Trachten sowie samische Ortsschilder treten uns am markantesten entgegen. Samische und andere einheimische klein- und mittelständische Unternehmen der Natur- und Ökotouristik zeigen dem Besucher behutsam die Wege in die empfindliche Natur des Nordens, die ihre Heimat ist. Es ist eine Welt, in der die Natur ein wichtiger Teil des Lebensstils der dort lebenden Menschen ist, nicht nur der Samen.

Von Hans-Joachim Gruda, September 2013

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1) Lag om nationella minoriteter och minoritetsspråk (2009:724) (Gesetz über nationale Minderheiten und Minderheitensprachen)

2) Siehe Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern (ILO 169) von 1989 und die im September 2007 von der UN-Vollversammlung nahezu einstimmig angenommenen "United Nations Declaration on the Rights of Indigenous Peoples"

3) Ernst Häckel: "Natürliche Schöpfungsgeschichte", 1868

4) Im anglo-amerikanischen Sprachraum hat sich als Bezeichnung für die Samen eine aus dem nordsamischen Adjektiv "sami" abgeleitete Substantivform "the sami" entwickelt, von ursprünglich adjektivisch "the sami people", das samische Volk. Vergl. zum Beispiel Nordsamisch "Internašunála Sámi Filmaguovddáš", Englisch "International Sámi Film Centre", Deutsch "Internationales samisches Filmzentrum" (mit Sitz in Guovdageaidnu/Kautokeino). Eine solche Adaption verbietet sich eigentlich, da die samischen Sprachen, ebenso wie das Finnische, keine indoeuropäischen Sprachen sind.

5 ) nordsamisch: noaidi, lulesamisch: noajdde, südsamisch: nåejttie, skoltamisch: nōjjd, tersamisch: niojte, kildinsamisch: noojd/nuojd, schwed.: noaide

6) J. Qvigstad, Lappiske Eventyr og Sagn, I - IV, Oslo, 1927-1929

7) Die Renwirtschaft in Norwegen ist geregelt im LOV 2007-06-15 nr 40: Lov om reindrift, reindriftsloven (Renwirtschaftsgesetz). Die schwedischen Reneigner sind nach dem Rennäringslag (Renwirtschaftsgesetz) von 1971 in 51 Wirtschaftsgemeinschaften (samebyar) organisiert. In Finnland gilt das Poronhoitolaki von 1990 (Gesetz über Renhaltung).

8) Die UNESCO-Generalkonferenz hat am 17. 10. 2003 das Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes verabschiedet (in Kraft getreten am 20. 04. 2006); es wurde von Norwegen und Schweden ratifiziert.

9) Om Samenes Rettstilling (NOU 1984:18) (Über die rechtliche Stellung der Samen)

10) Människor i norr: Samisk forskning på nya vägar

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